Die Wahl einer Hundeschule – Anke Clever, eine clevere Entscheidung!

Vor 7 Monaten haben wir uns dazu entschieden einen Hund zu adoptieren. Einen Listenhund. Das Wort „Kampfhund“ kommt mir nicht über die Lippen, denn wer unseren Zuwachs kennengelernt hat, der weiß das er lediglich um Aufmerksamkeit und Streicheleinheiten kämpft … manchmal auch gegen seine vielen Allergien und den Frust, der sich ab und an mal aufstaut, wenn es nicht nach seinem Dickschädel geht.
Mit dieser Entscheidung einhergehend mussten wir uns auch um die ganze Auflagen kümmern. Mit der Bürokratie beschäftigen und mit der – völlig irrsinnigen – Rasseliste auseinandersetzen. So far.
Die Sachekundenachweise beim Veterinäramt wurden gemacht oder waren schon vorhanden, die Führungszeugnisse beantragt, die Halteerlaubnis angefordert … und wie sollte es anders sein … sie wurde erteilt. Der 10 Monate alte Vierbeiner durfte bei uns einziehen. Juhuuu! Nach fast 7 Monaten im Tierheim ging es nun endlich in ein „Für immer-Zuhause“.
Nun hieß es sich um die Maulkorb-und Leinenbefreiung kümmern. Dazu benötigte man eine Hundeschule zu der man regelmäßig alle zwei Wochen verpflichtend hin geht, damit das Veterinäramt auch weiß, dass man sich kümmert, mit dem Hund und seiner Erziehung beschäftigt und seinen „rassetypischen“ Junghund auch im Griff hat.
Aber welche ist die richtige? Wo suchen wir als erstes? Tante Google fragen, die nächstbeste anmailen, warten! Rückmeldung kam promt: „Ja, Junghundekurse hab ich, aber (davon haben wir schon viele gehört) … ich kenn mich mit Listenhunden nicht aus. Fragen Sie mal bei Anke Clever. Die ist Sachverständige, die kennt sich aus.“
Ok, also ging die Email auch an Frau Clever. Ihre Antwort: „Kommen Sie doch mal vorbei und gucken sich einen Kurs an.“ Gesagt, getan! Also stiefelte ich an einem Samstag Vormittag auf den Hundeplatz und direkt rein in eine Gruppe fremder Hunde, welche auf mich zu stürmten und fremder Menschen, die nach ihnen riefen. Das Gefühl dabei? Eher unsicher, aber nützt ja nix. Und ich habe überlebt, habe alle meine Finger noch.
Aufgefallen ist mir sofort ein Pärchen mit einer hübschen und vor allem lustigen American Bulldog. Hilde … der Name war Programm. Zwei verschiedene Augen, den Schalk im Nacken und sehr nette Besitzer, die versuchten ihrer Wuchtbrumme Herr zu werden. Zum ersten Mal dachte ich: „Ok, es geht anderen genauso wie dir. Puhh“
Frau Clever begrüßte mich erstmal mit: „Naja, eigentlich platzt man eher nicht so in eine trainierende Gruppe rein. Aber diesmal hab ich das mit Absicht gemacht.“ Das nächste Gefühl war dann: „Lustig ist die auch noch. Aha.“
Und so schaute ich mir die restliche Stunde an und war erstaunt wie offensichtlich Frau Clever ihre Schützlinge einschätzen konnte. Ich Fand es super, dass sie jede Situation genau analysierte und die Körpersprache der Hunde dann uns Zweibeinern erklärte. Mir fiel es wie Schuppen von den Augen, wie „einfach“ einfach alles bei ihr aussah.
Am Ende der Stunde smalltalkte ich noch mit Herrchen und Frauchen von Hilde über ihre Hunde, die Rasseliste im Allgemeinen und Hundehalter im Besonderen. Mit Frau Clever besprach ich, dass wir mit dem Training beginnen würden, wenn Chicos Kastrations-Beschwerden vorüber wären. Ich fuhr nach Hause und dachte: „Joa, das kann was werden.“
Was soll ich ein halbes Jahr später sagen?
Chico hat sich eingelebt. Zuhause und im Büro. Hat eigentlich alle (Ausnahmen bestätigen die Regel) um den Finger gewickelt und hat verstanden, dass wir gemeinsam ein Team sind.
Er hat uns viele Nerven und noch mehr Geld gekostet. Und den Kollegen im Büro das ein oder andere Frühstück.
Er macht uns wahnsinnig … vor allem wahnsinnig glücklich und er weiß nicht mal warum.
Er ist ein Sonnenschein, ein Schatz, eine Frustbeule und ein Möchtegern-Alphatierchen.
Er hat viele Stärken und noch viel mehr Schwächen und es hat gedauert, bis wir diese verstanden haben. Und so wird es weitergehen … wir sind noch nicht am Ziel!
Wir trainieren jetzt seit einem halben Jahr bei und mit Anke. Und wir sind jedes Mal glücklich und erleichtert aus diesen Stunden gegangen. Wir lernen jedes Mal etwas Neues. Und vor allem lernen wir Zweibeiner wie wir unseren Vierbeiner einschätzen können und wie wir mit ihm umgehen.
Am Anfang dachte ich, in der Hundeschule lernt der Hund. Weit gefehlt! In erster Linie lernen wir für unseren Hund und das bringt uns so viel weiter als alles andere.
Und wir haben nette Leute mit ähnlichen Problemen kennengelernt. Ich erzählte schon von Hilde. Wie es das Schicksal so wollte, standen wir plötzlich auf dem Platz. Eine neue Gruppe sollte gegründet werden. Eine Gruppe nur mit Listis, welche ganz gezielt auf den Wesenstest hinarbeiten sollten. Und dann kam Hilde um die Ecke geclownt, brachte Herrchen und Frauchen mit. Und ein junger Mann mit einer hübschen Pittie-Dame namens Jouma. Und ein bezauberndes American Staffi Girlie mit Herznächen nebst Frauchen. Nun war das Team komplett. Aus diesem Trupp ist eine Gruppe Menschen geworden die sich schätzen, die gemeinsam Ausflüge mit ihren Chaoten unternehmen um ihre Hunde souveräner und sich selbst sicherer zu machen. Und das passt. Auch das haben wir Anke zu verdanken.
Nächstes Jahr wollen wir den Wesenstest angehen. Wenn Chico 2 Jahre alt wird erlischt seine „vorläufige Maulkorb-und Leinenbefreiung“, denn dann könnte er laut Rasseliste eher zubeißen als jetzt. (Jaaaa, sehr sinnvoll) Bis dahin wollen wir den Wesenstest bestanden haben, damit er weiterhin ein unbeschwerter Hund ohne Maulkorb und Leine sein darf. Ob wir das schaffen, steht auf einem anderen Blatt, denn die Stadt Solingen bietet diesen „Test“ gar nicht mehr an (Jaaa, auch sehr sinnvoll). Wir müssen noch jede Menge üben, das ist uns bewusst und da bleiben wir dran.
Aber wir haben Anke. Und wir sind dankbar dafür. Anke macht es einfacher. Anke erklärt uns die Hundewelt und zeigt uns auf was wir falsch, aber auch richtig machen. Und wir sind zuversichtlich, dass wir mit Geduld, Engagement und Anke auch diese Hürde meistern.
Liebe Anke Clever, es ist schön dass es dich gibt.

Ein Hund im Büro?!?

Eine der grundlegenden Voraussetzungen, damit wir Chico aufnehmen können, war die Erlaubnis, ihn mit ins Büro zu nehmen. Sicherlich gibt es Hunde, die 12 Stunden alleine zuhause bleiben können, aber für uns beide war klar, dass es dem Tier nicht gerecht wird und vermutlich auch nicht gut tut. Ein klärendes Gespräch mit der Chefin und den direkten Kollegen im Vorfeld gab aber grünes Licht, wenn auch mit Einschränkungen.

Wir wollten Chico nicht direkt mit neuen Eindrücken überfordern, darum haben wir uns langsam heran getastet.

IMG-20160420-WA0001Am Montag kamen Jenny und Chico mittags zu mir ins Büro, um nach einem gemeinsamen Spaziergang in den anliegenden Parks den Flur, die ersten Büroräume und natürlich die ersten Kollegen kennen zulernen. In den ersten Tagen hatte Chico auch noch seinen Body an und vermittelte damit eher den Eindruck eines Babys als eines Pitbulls. Der Body scheint ihn übrigens – zumindest tagsüber – überhaupt nicht gestört hat. Nachts hat er sich so sehr in seinem Körbchen gewälzt, dass der Body nach unten gerutscht ist und er ihn sich abstreifen konnte. Die Verwirrung am nächsten Morgen, wieso der Hund plötzlich komplett hellbraun und nicht blau ist, war anfangs groß. Wir haben einige Zeit gebraucht, bis wir seinen Trick durchschaut hatten.
Nach der Begrüßungsrunde hat Jenny ihn wieder mit nach Hause genommen, sehr zum Bedauern einiger Kolleginnen 🙂

Dienstags ist Chico morgens mit mir ins Büro gefahren und hat sich bis zur Mittagspause tapfer geschlagen. Als Jenny ihn dann abgeholt hat, war er allerdings ziemlich erschöpft. Man unterschätzt anscheinend, wie anstrengend der Büroalltag für einen Hund ist, der nur das Tierheim kennen gelernt hat und all das nicht gewohnt ist.

Mittwochs haben wir einen 3/4 Tag gewagt und auch den hat Chico super mit mir verbracht. Es ist immer wieder erstaunlich, wie schnell er sich neuen Situationen anpasst. Für ihn scheint einfach nur wichtig, dass jemand da ist, den er kennt. Nach der kurzen Zeit von Vertrauen zu sprechen, wäre vermutlich übertrieben. Die OP Narbe verheilt sehr schön und er macht auch keine Anstalten, an der Wunde zu lecken, also konnte der Body zuhause bleiben. Die Mittagspause haben wir wieder draußen verbracht, im Park hat er sogar schon erste Bekannte. Ohne Hund würde ich die Pause mit Kollegen drinnen verbringen, aber dank Chico und seinen Bedürfnissen kommen wir viel vor die Tür.

IMG-20160421-WA0001Das erste Spielzeug ist bereits vernichtet, aber dem dünnen Tau hatten wir sowieso keine lange Lebensdauer zugesprochen. Dass Chico ein kleiner Zerstörer ist, wurde uns schon vom Tierheim berichtet. Besonders schlimm wird es, wenn er Langeweile bekommt .. aber das ist wohl bei jedem Kleinkind so 😀

Trotz oder vielleicht auch wegen seiner Macken haben ihn die Kollegen ins Herz geschlossen; die einen mehr, die anderen weniger 🙂 Die Vorurteile haben wir gar nicht erst aufkommen lassen, wir haben nicht groß verkündet, dass Chico ein Pitbull ist. Erstmal war er einfach nur ein 10 Monate alter Terrier aus dem Tierheim, der noch viel lernen muss. Ohne dieses Vorwissen konnten die Kollegen ihm unvoreingenommen begegnen, sein Wesen kennen und schätzen lernen und mussten nur die natürliche Hemmschwelle gegenüber unbekannten Hunden überwinden, ohne Kampfhund im Hinterkopf zu haben. Natürlich waren Kollegen dabei, die sich ein wenig mit Hunden auskennen und den „AmStaff-Bullterrier-Pitbull-Boxer“ *g* direkt erkannt haben, aber die wissen eben auch, was für einen Charakter diese Rassen haben.
Wann immer Chico im Flur auf Menschen trifft, heimst er Streicheleinheiten oder eine kurze Spielerunde ein, für die meisten Kollegen ist er ein willkommenes Ventil, um Stress abzubauen oder sich einfach ein paar Minuten auf etwas anderes zu konzentrieren.

WP_20160524_15_07_57_ProDa Chico, wie die meisten Pitbulls und Bullterrier, es gerne kuschelig und weich unter dem Popo hat und ihm die orangene Decke der ersten Tage nicht gereicht hat, gab es ein kleines Upgrade. Wenn er schon so viel Zeit hier verbringt, dann soll er auch ein ordentliches Kissen haben 🙂

Der Büroalltag mit Hund ist – gerade in der Anfangszeit, wenn man ihn nicht alleine lassen kann – sicherlich eingeschränkt. Aber er gibt dem Alltag auch jeden Tag etwas frisches und neues, weil Mensch und Hund sich gemeinsam arrangieren müssen. Ich bin da ganz ehrlich, ich genieße auch die Tage, an denen Chico mit Jenny zuhause bleibt und ich mich in Ruhe um meine Dinge kümmern kann. An solchen Tagen allerdings fehlt er mir spätestens nachmittags und ich freue mich mich, ihn abends wieder zu sehen.

Die Koffer sind gepackt …

Einige Tage zuvor hatte ich meinen Sachkundetest bestanden und die schriftliche Bestätigung lag bereits in der Post. Der Probetag war erfolgreich und die zahlreichen Besuche im Tierheim, um Chico für 30-45 Minuten zum Spaziergang abzuholen, haben allen Beteiligten sehr deutlich gezeigt, wie ernst es uns mit dem Kleinen ist. Also wurde mit dem Tierheim besprochen, dass die Mitarbeiter Chico für die Kastration zum Tierarzt bringen und wir ihn dort mittags abholen. Damit ist das Tierheim der Böse und wir sind die Guten, die ihn „retten“. Zwischen dem Tierheim und uns wurde ein Pflegestellen-Vertrag geschlossen, damit Chico bei uns bleiben kann, bis das Veterinäramt unseren Antrag bewilligt.

Zur vereinbarten Zeit kamen wir in Engelskirchen an, genau pünktlich um ein Häuflein Elend zu sehen, das auf einem warmen Luftkissen aus dem OP getragen wurde. Der Anblick war wirklich hart. Wir kannten Chico als Hektiker mit unbändiger Kraft und Energie, aber aktuell lag er mit Tubus in der Schnauze, herunterhängender Zunge und Zugang an der Pfote ganz flach auf der Matte. Die einzige Bewegung war das Heben und Senken der Bauchdecke beim Atmen. Die Aufwach-Spritze zeigte nach und nach ihre Wirkung und Chico wurde ein wenig aktiver. Die Augen waren noch immer geschlossen, aber Nase und Ohren schienen schon zu funktionieren, denn als er uns schließlich wahr nahm konnte er den Schwanz nicht mehr still halten und versuchte, unter Aufbringung der gesamten Kraftreserven, so viel Körperkontakt wie nur möglich zu bekommen. Gemeinsam mit der Tierärztin zogen wir Chico noch einen Body an, damit er nicht an der frischen Wunde leckt. Die Halskrause wollten wir ihm ersparen, damit würde er sowieso nur überall gegen laufen.

Nachdem Chico sich aufgerappelt hatte, einige Zeit durch den Wartebereich getorkelt war und endlich einigermaßen sicher stand, konnten wir ihm sein eigenes Halsband, sein eigenes Geschirr und seine eigene Leine anziehen. Auf die Maulschlaufe haben wir im Auto verzichtet, damit er ungehindert hecheln kann. Anschließend haben wir ihn ins Auto getragen und sind sichtlich erleichtert, dass die OP gut verlaufen ist und Chico nicht mehr bemitleidenswert aussah, zu Dritt nach Hause gefahren. Damit ich ihn vernünftig halten konnte, haben wir auf den Transport im Kofferraum verzichtet und saßen stattdessen gemeinsam auf der Rückbank. Die Rückfahrt verlief völlig unproblematisch, Chico konnte an mich gekuschelt dösen.

Die Tierärztin hatte extra darauf hin gewiesen, dass Chico möglichst wenig toben und bloß keine Treppen steigen soll, also wurde Chico weiterhin getragen. Für den restlichen Tag haben wir es uns auf dem Hochflor-Teppich gemütlich gemacht, haben dort gegessen, getrunken und gekuschelt. Das ging zwar ordentlich in den Rücken, aber für Chico war es das Beste. Nachmittags, als die Betäubung langsam nachließ und er begann zu zittern und zu weinen, haben wir ihn in eine Wolldecke gepackt und gekrabbelt. Spazieren gehen war für heute gestrichen, auch wenn Chico zum Abend hin deutlich munterer wurde und sogar wieder Interesse am Spielzeug zeigte. Wir haben uns damit begnügt, ihn Treppen runter und rauf zu tragen und kurz an die Wiese zu gehen.

Die erste Nacht, vor der wir ein wenig Sorge hatten, verlief erstaunlich unspektakulär. Wir konnten feststellen, dass Pitbulls lauter schnarchen können als erwachsene Menschen, aber davon abgesehen haben wir alle genügend Schlaf bekommen, um für das Wochenende fit zu werden.

Probewohnen in Solingen

Heute sollte es soweit sein, Chico durfte für einen Tag zu uns nach Hause kommen. Seit Tagen schon war die ganze Wohnung voll mit Hundespielzeug, Näpfen und einem kuscheligen Körbchen. Von der Kuscheligkeit habe ich mich persönlich überzeugt. Meine notwendige Körperhaltung war nicht komfortabel, aber das Körbchen ist weich genug für den Kampfkrümel. Wir sind – zumindest für einen Samstag – früh aufgestanden und haben uns auf den Weg ins Tierheim gemacht. Den Weg hatten wir in den letzten Wochen so oft zurück gelegt, dass wir ihn blind fahren konnten.

Am Tierheim selbst ging alles sehr schnell, der Ablauf war mittlerweile gewohnt routiniert. Chico wurde durch eine Mitarbeiterin des Tierheims angezogen, zog die Mitarbeiterin dann hinter sich her durchs Tierheim und begrüßte uns überschwänglich. Diesmal allerdings ging es nur kurz an die Wiese, um den ersten Druck loszuwerden, und danach in Jennys vorbereitetes Auto. Keiner konnte uns sagen, ob Chico jemals Auto gefahren ist, ob er es mag oder durchgehend jault oder ihm vielleicht sogar schlecht wird, also mussten wir es einfach ausprobieren.

Wir kamen ganze 300m zur nächsten Bushaltestelle, bis er das erste Mal über die Rückenlehne gesprungen war und voll im Gurt und seinem Geschirr hing. In der Hoffnung, ihn beruhigen zu können, bin ich auf die Rückbank geklettert. Nicht gerade die ideale Position, so halb im Kofferraum und halb auf der Rückbank, aber ich konnte nah bei Chico sein und ihm damit ein wenig die Aufregung nehmen. Die Tatsache, dass wir ewig im Stau standen, war nicht förderlich. Alles in allem hat der Kleine die erste Fahrt aber wacker ertragen.

Zuhause angekommen konnte Chico erstmal selbstständig die Wohnung erkunden und alle neuen Eindrücke aufnehmen. Wobei da gar nicht so viel Selbstständigkeit war, im Grunde ist Chico uns Schritt auf Schritt gefolgt. Die eine oder andere Runde um den Küchentisch, Rundlauf um das Sofa bis in die entlegensten Ecken der Wohnung, Chico war immer wenige Zentimeter hinter uns und behielt uns sehr genau im Blick. Das Körbchen schien genau richtig gewählt, Chico hat es mit seinem gerade entdeckten Spielzeug direkt akzeptiert.

Mit einiger Nervosität bereiteten wir uns auf den ersten gemeinsamem Spaziergang im Lochbachtal vor. Leider konnte ich bisher die Sachkundeprüfung nicht ablegen und deshalb auch Chico nicht an der Leine führen. Unsere Erwartung, von vielen Passanten skeptisch oder sogar abwertend beäugt zu werden weil wir einen Pitbull mit Maulschlaufe an der Leine haben und keinen Dackel, Labrador oder Mops, wurde so gar nicht erfüllt. Hundehalter bzw Menschen, die sich mit dem Thema befasst haben, reagierten positiv auf den kleinen hübschen Kerl, viele hatten im Bekannten- oder Freundeskreis auch Listenhunde und konnten sich so vom erstmal freundlichen und verschmusten Wesen überzeugen, das dem per se aggressiven Bild der Medien keineswegs entsprach.

Viel schneller als uns lieb war, wurde es Abend. Der Probetag war ohne Übernachtung, also mussten wir bis spätestens 18 Uhr Chico zurück ins Tierheim bringen. Ob Chico durch die ganzen neuen Eindrücke total fertig war oder ob er sich schnell an Situationen anpassen konnte, war uns nicht ganz klar. Die zweite Autofahrt an diesem Tag war auf jeden Fall viel entspannter. Er lag im Kofferraum auf der Wolldecke und döste friedlich vor sich hin.

Am Tierheim durften wir ihn in seine Box bringen, ihm seinen vorbereiteten Fressnapf runter stellen und schon waren wir abgemeldet. Es ist vermutlich sehr egoistisch und ein wenig absurd, aber ich hatte gehofft, dass ihm der Abschied genau so schwer fallen würde wie uns. Aber klar, die innige Bindung braucht ihre Zeit, um sich zu festigen. Umso besser, dass wir bereits morgen früh zum Sozialisierungs-Spaziergang wieder kommen wollen 😉

 

 

Rechnen, recherchieren, resignieren? Nein … Realisieren!

Da saßen wir also nach dem Spaziergang mit Chico, ein wenig verliebt in den kleinen Kerl. Wobei – wenn wir mal ehrlich sind – eigentlich sehr verliebt. 😉

Jenny hatte natürlich schon vorher Informationen zusammen getragen und konnte mir einige Kosten nennen. Schutzgebühr im Tierheim 250€, Kastration ca. 100€, Geschirr/Halsband/Leine/Körbchen ca. 100€, Autotransportbox ca. 80€, *räusper* Hundesteuer 720€. Bei dem letzten Betrag dachte ich anfangs, ich hätte mich verhört. Dann hoffte ich, dass Jenny mich einfach auf den Arm nimmt. Leider beides Fehlanzeige.

Mit dem Betrag könnten wir auch prima in den Urlaub fliegen. Welche Grundlage haben die Länder und Gemeinden bitte, so viel Geld zu verlangen für einen Hund? Ein Pitbull macht auch nicht mehr Dreck als andere Hunde und der Verwaltungsaufwand bei der Stadt wird davon auch nicht gedeckt, die ganzen Anträge zahlt man schön separat. Eigentlich wollte ich keinen „Kleinkredit“ aufnehmen, um einem Hund ein Zuhause zu geben. Sollen wir also wirklich diese ganzen Kosten, Strapazen und Einschränkungen auf uns nehmen?

Während des bereits länger geplanten Kurztrips zu meinen Großeltern an die Nordsee konnten wir die bekannten Fakten auf uns wirken lassen, nebenher im Internet und am Telefon weiter recherchieren und die Anschaffung jeder für sich, aber auch gemeinsam, immer wieder bewerten.

Damit auch ich später mit Chico spazieren gehen kann, muss ich noch die Sachkundeprüfung ablegen. Der Mitarbeiter des Veterinäramtes war erstaunlicherweise freundlich und hilfsbereit am Telefon. Ich hatte beim Thema Listenhund eigentlich mit einer abweisenden Haltung gerechnet. Normalerweise kostet die Sachkundeprüfung 30€, wenn ich aber belegen kann, dass ich an einem Hund aus dem Tierschutz interessiert bin und deshalb die Prüfung mache, kostet sie nur 15€. Da hat mal jemand im Hinblick auf den Tierschutz mitgedacht 🙂
Der nächste Termin ist zwar erst in 2 Wochen, aber das ist noch zu ertragen. So bleibt mehr Zeit, um die „schwierigen“ Fragen zu lernen. Auch hier hatte Jenny bereits vorgeplant und die Fragebögen von der Webseite der Stadt Solingen ausgedruckt und mitgenommen.

In einem anschließenden Telefonat mit dem Tierheim Wipperfürth, in dem wir um die Bestätigung für das Veterinäramt bitten wollten, erfuhren wir Einiges über Chicos Vergangenheit, Er wurde im Juni 2015 in Bulgarien geboren und mit nur 5 Wochen von der Mutter und seinen Geschwistern getrennt und nach Deutschland geschmuggelt. Direkt im Anschluss ist er ins Tierheim Solingen gekommen, nur wenige Kilometer von uns entfernt. Ob das ein Wink des Schicksals war? Im Januar und Februar 2016 hat Chico bei einem Halter in Wuppertal gelebt, wurde aber nach nur 8 Wochen im Tierheim Wipperfürth wieder abgegeben. Als schwammiger Grund wurde die Unverträglichkeit mit einer älteren Hündin angegeben. Im Grunde hat der kleine Kerl also sein kurzes Leben hinter Gittern verbracht, ohne richtigen Kontakt zu anderen Hunden und ohne Erziehung durch Artgenossen und Menschen. 😐

Um eine Versicherung konnten wir uns an diesem Punkt noch nicht kümmern, da uns einige Details von Chico fehlten. Die gesammelten Erfahrungen der Internetgemeinde sind zwar nicht immer auch fundiertes Wissen, aber es war schon jetzt abzusehen, dass viele Versicherungen keine „gefährlichen Hunde“ aufnehmen.

Der obligatorische Bummel durch die Bremerhavener Fußgängerzone, den wir uns bei jedem Besuch meiner Großeltern gönnen, führte auch an der Buchhandlung vorbei. Praktischerweise hatte Jenny ihren Gutschein mit und konnte ein Buch vom Rütter erstehen. Man mag sich über das Buch, den Autor und seine Ansichten streiten, aber es war – bewusst oder unbewusst – ein weiterer Schritt in Richtung „Wir wagen es, wir adoptieren einen PitBull“.

Im Grunde war es hier schon zu spät :)

Der Wunsch, einen Hund in unsere kleine Familie zu holen, war schon lange vorhanden. Wir sind beide mit Hunden aufgewachsen; komplett unterschiedlich zwar aber doch durch Hunde geprägt. Bisher konnte das Argument „Wir haben keine Zeit und den ganzen Tag alleine bleiben ist nicht artgerecht“ diesen Wunsch eindämmen, aber Jennys Suche nach einem Hund wurde stetig mehr. Während Facebook bei mir meistens Beiträge von Freunden zeigte, war Jennys Timeline voll mit Hundenotfällen, die dringend ein Zuhause suchten. 😉

facebook beitrag

So auch am 25. März, aber diese Anzeige war irgendwie anders. Erstellt von Ein Herz für Pitbull und Co Deutschland (Facebook), um das Tierheim Wipperfürth dabei zu unterstützen, dem jungen Pitbull Mischling Chico ein neues Zuhause zu suchen. Jenny hat die Anzeige direkt geteilt …

Ob da schon das Unterbewusstsein entschieden hatte, Chico aufzunehmen oder ob es nur der Wunsch war, dass dieser kleine Kerl eine gute Familie bekommt, kann wohl im Nachhinein keiner beantworten. Es macht auch keinen Unterschied, denn der weitere Ablauf war in diesem Moment klar. Wir würden zeitnah in das Tierheim Wipperfürth fahren, um – wie Frauen so gerne sagen – „nur mal zu gucken“

Einen Tag später war es tatsächlich soweit und wir sind nach Wipperfürth gefahren. Eigentlich ein Katzensprung aus Solingen, es gibt aber leider keine direkte Route dahin. Man fährt also jedes Mal 45-60 Minuten; genug Zeit, sich Gedanken zu machen:

Wie groß wird so ein Pitbull?

Wie stark wird er wohl sein?

Kann man mit ihm genau so toben wie mit meinem alten Cairn Terrier Mischling Sammy?

Ich habe zwar keine Probleme mit Hunden jeglicher Art, aber mit Kampfhunden (ja ich weiß, alleine diese Bezeichnung ist schon dumm) hatte ich bisher keinerlei Kontakte und damit auch keine Erfahrungen. Ich kannte nur die reißerischen Beiträge der fragwürdigen Zeitungen und Onlineportale und Bilder von Hunden, die mit ihrer Statur eher im Freihantelbereich eines Fitnesscenters als in einer Familie angesiedelt sind. Dementsprechend war ich ein wenig voreingenommen, auch wenn ich genau das nicht sein wollte.

Der erste Kontakt mit den Mitarbeitern des Tierheims war ein wenig verkrampft. Jenny wollte am Liebsten direkt durch zu Chico, ich wusste nicht so wirklich was ich wollte und die Mitarbeiterinnen waren ein wenig überfordert mit Jennys spontaner, chaotischer Art.

Mit einer kleinen Tüte Bestechungswurst, die uns Gianna in die Hand gedrückt hat, sind wir in den Außenbereich gelotst worden, in dem Chico gerade ganz alleine getobt hat. Die erste Begrüßung verlief sehr stürmisch und unsere Hosen und Oberteile hatten einige sandige Pfotenabdrücke. Gianna zählte währenddessen die – zugegebenermaßen recht kurze – Liste negativer Aspekte auf, bevor sie zu den positiven kam. Chico leidet unter einer Getreideunverträglichkeit und wurde deshalb im Tierheim gerade umgestellt auf getreidefreie Ernährung. Wie zur Bestätigung spuckte uns Chico liebevoll vor die Füße, bevor er weiter um uns herum tobte und sich nicht entscheiden konnte, ob nun Streicheleinheiten bekommen oder rennen besser ist 😀

Im Gespräch fragte Gianna irgendwann, ob wir einen Sachkundeschein hätten. Dann dürften wir natürlich auch eine Runde spazieren gehen. Jenny hatte, also bekamen wir den lebendigen Flummi mit Halsband, Maulschlaufe und Leine an die Hand und konnten feststellen, was sowohl Chico als auch wir alles noch nicht können. Trotzdem war der Spaziergang eine schöne Erfahrung und die Rückkehr zum Tierheim ein wenig traurig.

Bevor wir zurück nach Hause gefahren sind, haben wir schnell noch den Interessenten-Fragebogen ausgefüllt und damit Chico reserviert, bevor irgendjemand sonst ihn plötzlich adoptiert. Nicht, dass es nötig gewesen wäre. In der ländlichen Gegend ist noch schwerer, einen Listenhund zu vermitteln, als es ohnehin schon ist.

Ach ja, ICH habe noch vor Jenny der Reservierung zugestimmt … 😉